Antibiotika in der Tiermedizin - Gefahr für Mensch und Umwelt?

Hoher Fleischkonsum mitverantwortlich für Antibiotika-Resistenz – Vortrag von Prof. Dr. Kietzmann beim BUND

Dass man früher an banalen Infektionskrankheiten sterben konnte, als es noch keine Antibiotika gab, erscheint im Rückblick tragisch für die Menschen, die der Tod so dahinraffte. Dass diese Zeiten endgültig vorbei sind, schien bis vor kurzem gewiss. Doch je mehr Antibiotika wir heute nutzen, desto unwahrscheinlicher ist es, dass wir morgen noch welche haben. Grund sind die weltweit zu beobachtenden Resistenzen gegen Antibiotika. Welche Gefahr deren Einsatz in der Tierhaltung für den Menschen bedeutet, darüber referierte auf Einladung mehrerer BUND-Gruppen Prof. Dr. Manfred Kietzmann von der Tiermedizinschen Hochschule Hannover in der Stadthalle Blaubeuren.

Als Alptraum von Krankenhausärzten stellte Prof. Kietzmann am Anfang seines Vortrages einen 4MRGN-Hochrisikopantienten mit Lungenentzündung vor. 4MRGN steht dabei für eine Gruppe von verschiedenen Bakterien, die gegen vier häufig eingesetzte Gruppen von Antibiotika resistent sind. Die Chance auf Heilung eines solchen Patienten sei zu vergleichen mit der Wahrscheinlichkeit, im Dunkeln in das Bull’s Eye einer Dartscheibe zu treffen. Grund: Da die gängigen Antibiotika nicht mehr anschlagen, kann der Mediziner nur hoffen, dass ein weiteres, womöglich älteres Antibiotikum Erfolg hat. Da dies oft nicht gelingt, sterben in Deutschland jedes Jahr 7000 Menschen an MRGN-Keimen.

Jede Antibiotikaanwendung kann Resistenzen erzeugen

Die Problematik der von der Tierhaltung ausgehenden Antibiotikaresistenz ist seit Ende der 90er Jahren einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden, als zum Beispiel der FOCUS „Antibiotika: Die stille Gefahr aus dem Stall“ darauf aufmerksam machte, dass erstens massenhaft Antibiotika in der Tierzucht eingesetzt werden und dadurch zweitens Bakterien resistent gegen die Wirkstoffe werden. Kietzmann stellte klar, dass bei jeder Antibiotikaanwendung Resistenzen entstehen können, egal ob Tier oder Mensch diese verabreicht bekommen. Im Körper können Resistenzinformationen an andere Bakterien weitergegeben werden.

Die Politik habe inzwischen reagiert und mehrere Initiativen ins Leben gerufen, wie 2010 den Forschungsverbund RESET zur Erforschung von Resistenzen bei Tier und Mensch und 2015 DART 2020 (Deutsche Antibiotika-Resistenzstrategie), die an der Schnittstelle zwischen Human- und Veterinärmedizin ansetzen, unter Beteiligung der relevanten Ministerien Gesundheit, Landwirtschaft und Ernährung und Forschung. Inzwischen scheint es auch erste Erfolge zu geben, zumindest was die Menge der verabreichten Antibiotika in der Tierhaltung betrifft. Diese sei zwischen 2013 von 1452 Tonnen reinen Wirkstoffs auf 805 Tonnen gesunken. Deutschlandweit gebe es dabei aber enorme Unterschiede, so entfalle allein auf die Postleitzahl 49 (Landkreis Vechta) ein Drittel der in Deutschland in der Tiermast verabreichten Menge. Allerdings sage der absolute Verbrauch nichts darüber aus, wie riskant er ist. Manche Wirkstoffe könne man niedriger dosieren, diese seien aber viel riskanter, was die mögliche Bildung von Resistenzen angehe. Hochproblematisch seien der Einsatz von sogenannten Reserveantibiotika, die ausdrücklich nur in der Humanmedizin vorgesehen seien.

„Die Art der Tierhaltung muss kritisch hinterfragt werden“

Um das Risiko einzudämmen, sind laut Kietzmann die Haltungsbedingungen von zentraler Bedeutung, außerdem eine gute veterinärmedizinische Praxis. Schweine seien saubere Tiere. „Wenn sie aber im eigenen Dreck stehen, stellen sie eine ständige Infektionsquelle dar.“ Antibiotika dürften aber nicht verabreicht werden um Defizite im Bereich der Hygiene der Tierhaltung zu kompensieren. Sie dürften auch nicht zu prophylaktischen Zwecken eingesetzt werden. „Gesunde Tiere brauchen keine Antibiotika.“ Vielmehr gehöre zur guten tierarztfachlichen Praxis eine konsequente Beschränkung auf notwendige Behandlungen gemäß Antibiotika-Leitlinien und die Auswahl der Wirkstoffe auf Basis von Erregerempfindlichkeit, Wirkstoffeigenschaften und Verträglichkeit. Insgesamt müsse die Menge der Antibiotika, aber auch das Spektrum der eingesetzten Wirkstoffe beschränkt werden. Dabei helfe auch Impfung.

Emissionen im Stall stellten eine Gefahr dar, die zum Beispiel durch die Darreichungsform der eingesetzten Wirkstoffe reduziert werden könne. Wie Kietzmann anhand von Studienergebnissen zeigen konnte, schneidet Pulver dabei schlechter ab als Pellets oder Granulat. Wie prekär das Problem ist, zeigt die Tatsache, dass man einen verabreichten Wirkstoff einen Tag nach Behandlungsbeginn als Sedimentstaub auf Fensterbänken in eineinhalb Metern Höhe finden könne, wo Schweine nicht hinkommen.

Dass Gülle auch Rückstände von Antibiotika aufweise, sei eine Tatsache. Im schlimmsten Fall finde man resistente Bakterien sogar auf den gedüngten Pflanzen. In diesem Zusammenhang kritisierte Kietzmann auch den speziell in den Zentren der deutschen Tiermast betriebenen Gülletourismus. Hart ins Gericht ging Kietzmann mit der hohen Zahl von Tiertransporten, weil diese die Ausbreitung von MRGN-Keimen begünstigten.

„Um gute Haltungsbedingungen zu garantieren, brauchen wir einen Mindestpreis für Fleisch.“

In der engagiert geführten Diskussion beklagte ein anwesender Landwirt, der Begriff Massentierhaltung sei irreführend. Laut Kietzmann sagt die Größe eines Betriebes noch nichts darüber aus, wie hoch der Medikamenteneinsatz ist. „Große Betriebe sind professioneller und im Hinblick auf den Antibiotikaeinsatz effizienter.“ Auf die Frage angesprochen, ob die Pharmaunternehmen angesichts der vielen Resistenzen neue Wirkstoffe erforschten, erwiderte Kietzmann, die Entwicklung neuer Antibiotika sei nicht lukrativ. Werde ein neuer vielversprechender Wirkstoff hergestellt, würde dieser sofort zum Reserveantibiotikum. Deshalb produzierten die Pharmafirmen eher Psychopharmaka.

Ausdrücklich betonte Kietzmann, dass es ums Geld gehe. Billigfleisch sei das Problem. Die Fleischriesen und die Discounter drückten die Preise, was die Landwirte zwinge Kompromisse einzugehen. Ein Mindestpreis für Fleisch sei deshalb vonnöten, um bestimmte Haltungsbedingungen zu garantieren. Das sei man auch den Tieren schuldig. Immerhin müssten sie für unseren Fleischkonsum ihr Leben lassen. Dieser hohe Fleischkonsum sei jedoch grundsätzlich problematisch, weil er negative Konsequenzen nach sich ziehe, die uns alle betreffen, nicht nur die Landwirtschaft.

Dieser Artikel erschien am 4.11.2016 in der Schwäbischen Zeitung

Nach dem Vortrag überreicht Erika Schermaul eine blaue Tasche zur Stärkung


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